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Von der Vision zur Praxis: Eineinhalb Jahre Leistungszentrum Engineering Automation

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Von der Vision zur Praxis: Eineinhalb Jahre Leistungszentrum Engineering Automation

Seit rund eineinhalb Jahren bündelt das Leistungszentrum Engineering Automation Kompetenzen aus Forschung und Praxis, um KI-Lösungen für das Engineering schneller in die Anwendung zu bringen. Im Interview blickt Dr. Christian Fechtelpeter, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IEM, auf wichtige Meilensteine zurück, ordnet aktuelle Entwicklungen ein und erläutert, welche Themen Unternehmen derzeit besonders beschäftigen.

Mit welcher Vision seid ihr damals gestartet und hat sich diese Vision im Laufe der letzten 1,5 Jahre verändert oder weiterentwickelt?

„Wir sind mit der Überzeugung gestartet, dass KI und Automatisierung das Engineering grundlegend verändern werden. Unser Ziel war von Anfang an, Entwicklungsprozesse schneller und produktiver zu machen, Ingenieur:innen von zeitaufwendigen Routineaufgaben zu entlasten und gemeinsam mit Unternehmen konkrete Lösungen in die Praxis zu bringen.
Diese Vision hat sich nicht grundsätzlich verändert, aber deutlich an Dynamik gewonnen. Während zu Beginn vor allem Copiloten und die Automatisierung einzelner Aufgaben im Mittelpunkt standen, geht es heute zunehmend um vernetzte KI-Unterstützung entlang ganzer Entwicklungsprozesse. Gleichzeitig ist KI im Arbeitsalltag vieler Ingenieur:innen bereits angekommen. Die nächste große Aufgabe besteht deshalb darin, aus einzelnen Anwendungen sichere, verlässliche und integrierte Lösungen zu entwickeln.“

Das Leistungszentrum Engineering Automation gibt es inzwischen seit rund eineinhalb Jahren. Wenn Du auf diese Zeit zurückblickst: Was waren für Dich wichtige Meilensteine?

„Der erste wichtige Meilenstein war natürlich die Anerkennung als Fraunhofer-Leistungszentrum. Darauf sind wir stolz, weil wir schon früh vom Potenzial des Themas überzeugt waren und gemeinsam mit unseren Partnern viel Energie in den Aufbau investiert haben. Ganz ehrlich: Es fühlt sich noch gar nicht nach eineinhalb Jahren an. Gerade mit Blick auf die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung vergeht die Zeit unglaublich schnell. Intern waren der Aufbau unserer Strukturen, die jährliche Transfer-Roadmap, unser Strategietag und natürlich die jährliche Bewertung wichtige Schritte. Das klingt vielleicht weniger spektakulär, schafft aber die Grundlage dafür, dass aus vielen guten Ideen ein gemeinsames Programm wird.
Nach außen war der erste Call for Solutions ein echtes Highlight. Daraus sind 8 spannende Projekte entstanden, die wir 2026 umsetzen. Hinzu kommen beispielsweise die Engineering Automation focus group, die Zusammenarbeit mit it’s OWL beim Transfertag, der AI Day mit prostep ivip und viele weitere spannende Formate. Aktuell bereiten wir mit Future Uncut (https://future-uncut.de/) bereits das nächste große Zukunftsformat für Anfang 2027 vor.“

Welche Themen oder Fragestellungen beschäftigen Unternehmen derzeit am häufigsten, wenn sie auf Dich zukommen?

„Am Anfang steht häufig die pragmatische Frage: Wo schafft KI im Engineering einen messbaren und dauerhaften Mehrwert? Viele Unternehmen haben die erste Erprobungsphase bereits hinter sich. Heute geht es weniger um weitere Prototypen als um belastbare Anwendungen, die produktiv eingesetzt und langfristig betrieben werden können. Häufig erreichen uns Anfragen zu Anforderungen und Testfällen sowie zu RAG-Systemen, die vorhandenes Unternehmenswissen gezielt nutzbar machen. Zunehmend stehen auch technische Dokumente, Änderungsanalysen und komplexe Engineering-Artefakte wie Schaltpläne oder CAD-Modelle im Fokus.

Gleichzeitig beschäftigt Unternehmen, wie weit die Problemlösungskompetenz von KI inzwischen reicht. Agentische Systeme eröffnen neue Möglichkeiten, benötigen dafür jedoch den richtigen Kontext und qualitativ hochwertige Daten. Entscheidend ist deshalb, KI sicher und wirtschaftlich in bestehende Prozesse und Toolketten zu integrieren. Themen wie Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und technologische Souveränität spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die technische Leistungsfähigkeit.“


Welche technologischen Entwicklungen werden das Thema Engineering Automation Deiner Meinung nach in den nächsten Jahren besonders prägen?

„Der Schritt von einzelnen KI-Copiloten hin zu agentischen Engineering-Systemen wird die Entwicklung in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Solche Systeme bearbeiten nicht mehr nur einzelne Aufgaben, sondern planen Lösungswege, nutzen verschiedene Engineering-Werkzeuge und überprüfen ihre Ergebnisse selbstständig. Dadurch lassen sich Routinetätigkeiten automatisieren und Entwicklungsteams gewinnen Freiraum für anspruchsvollere Aufgaben.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist ein durchgängiger Digital Thread, der Anforderungen, Modelle, Testergebnisse und Entscheidungen miteinander verbindet. Gleichzeitig gewinnt Context Engineering an Bedeutung: Statt des perfekten Prompts kommt es darauf an, der KI genau die Informationen bereitzustellen, die sie für eine Aufgabe benötigt. Hinzu kommen multimodale und domänenspezifische KI-Modelle, die auch technische Zeichnungen, CAD-Modelle oder Simulationsergebnisse verstehen und sich bei Bedarf lokal betreiben lassen. KI entwickelt sich damit zunehmend von einem Werkzeug zu einer strategischen Infrastruktur des Engineerings.“


Welche Angebote oder Formate des Leistungszentrums wurden bisher besonders gut angenommen?

„Die Nachfrage nach unseren Angeboten ist aktuell insgesamt hoch. Besonders gut funktioniert aus meiner Sicht jedoch nicht ein einzelnes Format, sondern das Zusammenspiel: vom ersten fachlichen Impuls, etwa durch eine spannende Keynote, über kompakte Workshops mit Expert:innen sowie praxisnahe Trainings (https://www.iem.fraunhofer.de/de/academy/weiterbildung-ai-for-engineering.html) bis hin zur gemeinsamen Entwicklung einer Lösungsarchitektur und zur Umsetzung eines konkreten Kooperationsprojekts.
Gerade unsere Workshops zu KI im Engineering werden gut angenommen, weil Unternehmen dabei unkompliziert ein Thema vertiefen und schnell konkrete nächste Schritte erarbeiten können. Auch Fachgruppen und Veranstaltungen sind wichtig, um aktuelle Entwicklungen kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Inhaltlich besteht derzeit besonderes Interesse an Knowledge und Context Engineering sowie an der gezielten Nutzung von Unternehmenswissen für KI-gestützte und agentische Systeme.
Wir entwickeln unsere Angebote kontinuierlich weiter. Es lohnt sich daher immer, uns direkt anzusprechen oder auf unserer Website nach aktuellen Kooperationsformaten und Events zu schauen. Wer fachlich am Ball bleiben möchte, findet zudem auf dem YouTube-Kanal des Fraunhofer IEM viele Einblicke, unter anderem in den Formaten „TechTalk“ und „Inside AI“.“


Kannst Du ein Beispiel nennen, bei dem das Leistungszentrum bereits einen konkreten Mehrwert für ein Unternehmen geschaffen hat?

Ein anschauliches Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der HIK GmbH. Die Digitalisierung von Stromlaufplänen ist in der Praxis eine anspruchsvolle Aufgabe: Unterschiedliche Darstellungsformen, fehlende Standards und individuell aufgebaute PDF-Dokumente machten bislang eine manuelle Auswertung erforderlich. Das ist zeitaufwendig und setzte umfangreiches Expertenwissen voraus. Gemeinsam haben wir eine KI-gestützte Lösung entwickelt, die relevante Inhalte wie Kabel, Bauteile, Referenzen und Stücklisten automatisiert aus den PDF-Dokumenten extrahiert und strukturiert aufbereitet. Dadurch lässt sich der manuelle Aufwand deutlich reduzieren. Zugleich entstehen aus statischen Dokumenten weiterverar-beitbare Daten, die für nachgelagerte Engineering-Prozesse genutzt werden können.

Auch in anderen Kooperationen konnten wir konkrete Mehrwerte schaffen: Mit Audi haben wir ein Assistenzsystem zur automatisierten Analyse und Qualitätsbewertung von Anforderungen entwickelt. Für Klaas Alu-Kranbau entstand eine Lösung für einen intelligenten Service-Assistenten, der Erfahrungswissen aus früheren Servicefällen schnell und gezielt verfügbar macht. Gemeinsam mit der Kraft Group haben wir zunächst KI-Potenziale entlang der Entwicklungs- und Produktionsprozesse systematisch analysiert. Daraus sind anschließend mehrere konkrete Entwicklungsprojekte entstanden.


Die Ergebnisse solcher Projekte stellen wir regelmäßig gemeinsam mit den beteiligten Unternehmen vor, beispielsweise bei GenAI Connect oder in der it’s OWL Fokusgruppe Engineering Automation. Auch beim gemeinsam mit prostep ivip veranstalteten AI Day (https://its-owl.de/en/news-events/events/ai-day-ai-ready-data-meets-intelligent-agents/) haben wir zwei erfolgreiche Kooperationsprojekte präsentiert: Mit GEA Westfalia Separator zeigten wir, wie generative KI vorhandenes Servicewissen erschließt und für das Engineering nutzbar macht. Gemeinsam mit Rolls-Royce Power Systems gaben wir Einblicke in ein spannendes Kooperationsprojekt zu KI im Engineering, das vielfältige Stoßrichtungen verfolgt, unter anderem neue Ansätze für ein effizienteres Testing.“